"Wer schlägt, muss gehen!"

Gleichstellungsbeauftragte Christine Schröder referiert über die komplexen Facetten häuslicher Gewalt

Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 116 016 ; © Foto R. Zacher
Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 116 016 ; © Foto R. Zacher

Nachdem die Regularien der diesjährigen Jahreshauptversammlung des LandFrauenvereins Hoya erfolgreich abgeschlossen waren, rückte ein Thema in den Fokus, das oft im Verborgenen bleibt: Die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen, Christine Schröder, nutzte den Rahmen der Versammlung, um in einem eindringlichen Vortrag über die Arbeit gegen häusliche Gewalt aufzuklären. Dabei wurde deutlich, dass Gewalt heute weit über die klassischen Paarkonflikte hinausgeht und zunehmend auch den digitalen Raum sowie die häusliche Pflege betrifft.

 

Gewalt hat viele Gesichter – auch digitale

Häusliche Gewalt umfasst weit mehr als die klassische körperliche Tat. Christine Schröder verdeutlichte, dass der Begriff heute auch Gewalt gegen Kinder, Übergriffe durch Kinder gegenüber ihren Eltern sowie Gewalt zwischen Geschwistern oder gegenüber im Haushalt lebenden Senioren einschließt. Die Formen reichen von psychischem Terror durch Beschimpfungen, Demütigungen und soziale Ausgrenzung bis hin zu finanzieller Abhängigkeit, sexuellen Übergriffen und Freiheitsentzug.  

Besorgniserregend sei die Zunahme der digitalen Gewalt: „Stalking, Tracking und Cyber-Gewalt sind moderne Werkzeuge der Kontrolle, die den Opfern oft keinen Rückzugsort mehr lassen“, betonte die Referentin.

 

Schutzraum Wohnung: „Wer schlägt, muss gehen!“

Ein Kernpunkt des Vortrags war die zivilrechtliche Schutzmöglichkeit. Das Prinzip ist klar: Nicht das Opfer muss flüchten, sondern der Täter wird verwiesen. Der polizeiliche Platzverweis und die damit verbundene Wohnungsüberlassung seien zentrale Instrumente, um Betroffenen eine Atempause zu verschaffen und Zeit für professionelle Beratung zu gewinnen. Als neueste technische Unterstützung nannte die ehemalige engagierte Gleichstellungsbeauftrage zudem den Einsatz der elektronischen Fußfessel zur Überwachung von Kontaktverboten.

 

Besonderes Risiko im Alter

Erschütternde Zahlen präsentierte Christine Schröder zum Thema Gewalt im Alter: Rund 11 % der über 60-Jährigen gaben an, in den letzten fünf Jahren Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein. Besonders alarmierend: Nur etwa 5 % der betroffenen Frauen in dieser Altersgruppe suchen tatsächlich Hilfe. Mit steigender Pflegebedürftigkeit nehme das Risiko durch überforderte pflegende Angehörige massiv zu – oft in Form von Vernachlässigung oder Einschränkung des freien Willens.

 

Starke Netzwerke im Landkreis Diepholz und überregional

Im Landkreis Diepholz bietet das Netzwerk gegen häusliche Gewalt schnelle Unterstützung. Erste Anlaufstellen sind die Beratungsstellen für Frauen und Mädchen in Bruchhausen-Vilsen, Syke und Sulingen, das Frauenschutzhaus (www.frauenhaus-diepholz.de) sowie die Beratungs- und Interventionsstelle (BISS).                                            © Text Ina Homfeld