Von Marlene Dietrich zu Helene Fischer - Die Geschichte des deutschen Schlagers

Historiker und Politwissenschaftler Wolfgang Borchardt aus Clausthal-Zellerfeld nahm die Hoyaer LandFrauen mit auf eine gesellschaftspolitische Zeitreise des deutschen Schlagers.

 

Allen Unkenrufen zum Trotz sei der Schlager die meistgehörte Musikrichtung in Deutschland. Trotzdem täten sich Musikwissenschaftler bei der Formulierung und Definition des Begriffs schwer, so der Referent. Die musikalischen Wurzeln lägen oftmals in der Volksmusik oder auch in der leichten Klassik. Der eigentliche Begriff Schlager wurde erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Walzer „An der schönen blauen Donau“ in Wien verwendet, der wegen seiner Popularität einen „durchschlagenden“ Erfolg gehabt habe.

 

In den goldenen 20iger Jahren seien die Konventionen des Kaiserreichs aufgebrochen, wenn Marlene Dietrich sang „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ oder die Comedian Harmonists mit „Wochenend und Sonnenschein“ eine Leichtigkeit verbreiteten. Im dritten Reich habe der Schlager als Propagandamittel gedient, denn mit dem ab 1933 vermarkteten Volksempfänger erreichten die Machthaber einen Millionenpublikum und machten auch vor der Musik keinen Halt, betont Borchardt. „Heimat, deine Sterne“ oder Zarah Leander mit ihrem Chanson „Es wird einmal ein Wunder geschehen“ aus dem NS-Propaganda-Spielfilm „Die große Liebe“ seien ein Spiegel der Zeit. Der aus dieser Filmproduktion entstandene Schlager „Davon geht die Welt nicht unter“ habe seinen Erfolg auch nach dem zweiten Weltkrieg fortsetzen können, führte der im Oberharz beheimatete Historiker aus, denn trotz des verlorenen Kriegs herrschte Aufbruchstimmung. In den 50iger Jahren spiegelten die Schlager Sehnsüchte und Wünsche wider, das Geld sei knapp gewesen und Jupp Schmitz erzielte mit „Wer soll das bezahlen?“ einen Riesenhit. Mitte der 60iger Jahre hielt der Beat Einzug und mit der ersten Wirtschaftskrise der BRD am Ende dieses Jahrzehnts verlor auch der deutsche Schlager seine Wertigkeit. Die jungen Leute hörten keine Schlager mehr, die inhaltlichen Botschaften verloren an Bedeutung. Auch wenn in den 80iger und 90iger Jahren Stimmung mit Ballermann- oder Mallorcamusik erzeugt worden sei und werde, verflache dieses Genre. Seit Anfang der 2000er Jahre erlebe aber mit Andrea Berg und Beatrice Egli aber insbesondere mit Helene Fischer der deutsche Popschlager einen ungeahnten Aufschwung. Gemäß Studien der Uni Leipzig seien Frauen um die Dreißig die größten Fans.

Historiker Borchardt inspirierte die Hoyer LandFrauen mit seinen vielen Musikbeispielen die deutsche Geschichte nachzuempfinden. Vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Themen entlockte der Referent bei den LandFrauen nicht nur ein leichtes Mitsummen und -singen sondern eine nachdenkliche Betrachtung der Texte.